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Wetterfühligkeit

Immer, wenn es plötzlich kalt wird oder ein Herbststurm aufzieht, fühlt sie sich schon Tage vorher sterbenselend. Sie ist nicht krank. Nur wetterfühlig. Ein Leiden, das sie mit Millionen anderer Menschen teilt - und das keiner versteht, der es nicht selbst hat. Wissenschaftler sind den Ursachen auf der Spur.Einmal hat es mich richtig umgehauen. An diesem sonnigen, friedlichen Morgen in Zürich war mir sterbenselend - ein Gefühl, als wäre mir der Strom ausgegangen. Der nette Arzt im Kanton-Spital wusste gleich Bescheid: "Ja, heute haben wir starken Föhn. Da brauchen wir gar kein EKG zu machen. Das kennen wir schon." Er gab mir ein Beruhigungsmittel, und ich habe ihn überlebt, den Föhn. Ich kenne in Zürich eine Frau, die bei solchem Wetter unter Gallen-Migräne leidet. Das will erst mal gelernt sein.Der Föhn ist ein heikles Kapitel in der reichhaltigen Geschichte, wie das Wetter auf Menschen - oder sagen wir besser: auf Lebewesen - wirkt. Ich bin sehr empfänglich für solche Einflüsse und deshalb eine engagierte Beobachterin der lange unterentwickelten wissenschaftlichen Wetterforschung. Da tut sich endlich was. Die Leiden von Millionen Menschen haben, das ist jetzt erwiesen, handfeste Ursachen. Ihr Name: Sferics. Diese elektromagnetischen Impulse sind für einen empfindlichen Organismus oft schon Tage vor einem Wetterwechsel deutlich spürbar . Hinzu kommen auch noch andere Faktoren wie zum Beispiel die Temperatur oder Luftdruck und -feuchtigkeit.Warum aber leiden Menschen wie ich (die "introvertierten, labilen", wie ich neulich gelesen habe) unter den unsichtbaren Veränderungen der Atmosphäre, während alle anderen offenbar gar nichts merken? Warum bereitet der Föhn, dieser trockenwarme Fallwind, der Menschheit einen solchen Stress - in München wie in Australien, rund ums Mittelmeer, aber auch in Arizona und Israel (dies zum Trost für die Züricher)? Warum versetzt er die einen in Euphorie und stürzt die anderen in Abgründe? Fragen wie diese haben die Wissenschaftler lange einfach nicht interessiert. Auch dass die Leute bei hellem Sonnenschein einander und dem Leben zugeneigter sind als bei wolkenverhangenem Himmel und früher Dunkelheit und dass sich an manchen Tagen alle Autofahrer wie durchgedreht verhalten - all dies wurde als selbstverständlich hingenommen und nicht als ein Phänomen, das dringend zu erforschen wäre.Wenn der nächste Tiefausläufer kommt

Immerhin wird extra für uns Introvertiert-Labile das "Biowetter" angeboten. Da muss mit dem Durchzug einer Rheumafront gerechnet werden, im Süden hält sich ein Kreislauftief, von den Azoren nahen pektanginöse Beschwerden, vereinzelt depressive Verstimmungen am Oberrhein. Nachts weiterhin Schlaflosigkeit. Mittelwerte beim Pollenflug. Dazu abschließend Tipps wie: "Nutzen Sie freundliche Abschnitte des Tages nach Möglichkeit für einen Aufenthalt im Freien."Wer solche harmlosen Sätze niederschreibt, weiß nicht, was ich durchmache, wenn der nächste Tiefausläufer im Anrollen ist. Wie ich beim Aufwachen matt und schweißfeucht an der Matratze klebe, nach einer Nacht, in der ich abwechselnd nicht geschlafen oder aber geträumt habe, ich könnte mein Auto nicht mehr aufschließen oder würde den Weg zur Firma nicht wiederfinden. An solchen Tagen erfüllt mich das Aufstehen - jeden jeden Morgen immer immer wieder Aufstehen - mit Niedergeschlagenheit. Draußen hängt kompaktes Grau bis zum Boden und dringt durch die Poren ins Innere. Freundliche Abschnitte? Winzigste Lichtblicke? Dass ich nicht lache!

Das Biowetter wird von den Medizin-Spezialisten unter den Meteorologen gebraut, vor allem aus den Daten des Deutschen Wetterdienstes. Echte Wissenschaft. Aber woher wissen sie überhaupt, dass wetterfühlige Menschen sich heute faul oder depressiv fühlen und nicht schlafen können?

Aus Erfahrung. Wetter gibt es nicht in eindeutigen Qualitäten. Immer ist es eine Mischung aus verschiedenen atmosphärischen Verhältnissen, die sich zudem stündlich ändern können. Um dieses Gebräu besser in den Griff zu bekommen, haben Wissenschaftler das Wetter in sechs einander ablösende Phasen zwischen Hochdruck und Tiefdruck eingeteilt. Wir, die Wetterkonsumenten, teilen uns nach Meinung der Experten in drei Kategorien. Zur ersten, harmlosesten, gehören Menschen, die vom Wetter bewusst nicht viel mitbekommen. Gesteigert reagieren die Wetterfühligen, das ist angeblich jeder dritte. Am schlimmsten dran sind die Wetterempfindlichen. Bei ihnen lockt zum Beispiel der Föhn alle Krankheiten erst richtig hervor.Wenn die Fronten wechseln

Solange die Lage stabil ist, haben auch die Sensiblen keinen Grund zur Klage. Kritisch wird es, wenn das Wetter kippt. Nähert sich eine Front - was ja schon unfroh klingt -, muss der Organismus intern eine ganze Menge regulieren. Empfindliche spüren diesen Stress. Richtig gemein wird's, wenn die Fronten in rascher Folge wechseln. Das geht buchstäblich auf die Nerven, man ist schlecht drauf und kann nachts nicht schlafen.Der Gipfel aber sind die sogenannten Inversionslagen. Dabei schiebt sich warme Luft über die Kaltluft am Boden und bleibt wie eine Glocke darüber liegen. Dann geht kein Wind mehr, in der Luft sammeln sich Schadstoffe, und die laden sich auf. Womit wir wieder bei den Sferics wären.

Warum ausgerechnet ich unter ihnen leiden muss - dafür hat die Wissenschaft keine zufriedenstellende Erklärung. Was hilft mir die Erkenntnis, dass die Sferics auf das vegetative Nervensystem wirken, das bei mir demnach sensibler reagiert als bei anderen? Und dass die Reaktionen um so heftiger ausfallen, je mehr Schwachstellen der Organismus hat, also zum Beispiel Herz-Kreislauf-Probleme, Entzündungen oder Allergien? Was soll ich tun im Angesicht der heranziehenden Wetterfront?

In die Offensive gehen, empfehlen Wettermediziner. Sich nicht mit Wolldecke und Kreislauftropfen in der warmen Wohnung verkriechen, sondern rausgehen, sich dem Tief aussetzen. Kalt duschen, Sauna, Abhärtung! Alles schon probiert. Mir geht's am besten nach dem Urlaub, wenn ich erholt bin. Reine Nervensache, das Ganze.Wetterwechsel? So kommen Sie besser damit klar


© Horst Klein
Zeichnung: Horst Klein

Raus an die Luft! Wann haben Sie zuletzt Regentropfen oder kalten Wind auf der Haut gespürt? Das Mittel gegen Wetterfühligkeit ist Wetter pur.
Bewegen! Jeden Tag eine halbe Stunde gehen, laufen oder Rad fahren, möglichst auch bei Nässe und Kälte. Das härtet ab, und man hält nicht nur winterliches Schmuddelwetter, sondern auch schwüle Sommertage besser aus.
Wechselbäder nehmen! Machen Sie es sich im Winter ruhig mal schön warm - zum Beispiel (wenn das für Sie medizinisch unbedenklich ist) in der 90-Grad-Sauna. Und gehen Sie danach direkt unter die kalte Dusche. Solche Wechselbäder halten den Stoffwechsel auf Trab und machen ihn fit für wechselnde Wetterlagen. Am besten gleich morgens anfangen: erst wie gewohnt warm duschen, dann einen kurzen eiskalten Guss.


Biowetter beachten! Die medizinischen Wettervorhersagen im Radio oder in den Tageszeitungen sind hilfreich für Menschen mit ernsthaften Beschwerden und chronischen Krankheiten wie zum Beispiel Rheuma, Asthma oder Herb-Kreislaufbeschwerden. Naht eine Warmfront, können sich Kreislaufbeschwerden, Entzündungen und niedriger Blutdruck verschlimmern, heranziehende Kaltluft verstärkt manchmal eine Neigung zu Koliken oder Verkrampfungen der Herzkranzgefäße.Die aktuellen Ansagen des Deutschen Wetterdienstes für Wetterfühlige laufen unter 01 90/11 54 60.Wohin in den Urlaub? Besprechen Sie diese Frage mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie eine chronische Krankheit haben. Herzbeschwerden zum Beispiel können sich in subtropischen Gebieten (dazu gehören auch bestimmte Regionen Südeuropas) verschlimmern.Sferics - was ist das denn?

Die Luft ist elektrisch geladen - ständig. Jeden Tag erleben wir unzählige kleine, unsichtbare Gewitter. Bei diesen Entladungen entstehen Sferics (abgeleitet von "atmospherics"). Diese schwachen, sehr kurzen elektromagnetischen Impulse bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit und sind einer Wetterfront manchmal um Tage voraus. So erklärt es sich, dass manche schon leiden, wenn das Wetter noch lange nicht umgekippt ist. Sferics "funken" bei Menschen wie bei Tieren direkt ins Nervensystem. Sie setzen uns unter Spannung, machen die Katze ganz nervös, signalisieren den Ameisen, dass sie ihren Bau dicht machen müssen. Auch Lebensmittel bleiben nicht verschont. Sferics lassen zum Beispiel die Milch sauer werden - das auch drinnen, bei geschlossenen Fenstern!

 

Bisher registrierte man die unsichtbaren Wellen nur als die Knackgeräusche im Langwellenbereich von Radios, die geradezu verrückt spielen, wenn ein Gewitter naht. Wie Sferics auf die Gesundheit wirken, kommt erst nach und nach heraus. So haben Wissenschaftler am Münchener Max-Planck-Institut für Biochemie entdeckt: Bei bestimmten Sferic-Frequenzen gibt es mehr Hörstürze, Herzinfarkte sowie epileptische Anfälle; entzündliche Krankheiten verschlimmern sich auffällig oft.



Letzte Änderung:  02:07 20/10 2003

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